Die lettische Aprikosen-Aristokratie

Wie das raue Klima Nordeuropas widerstandsfähige Aprikosensorten mit außergewöhnlichem Antioxidantiengehalt hervorgebracht hat

Aprikosen verbinden wir meist mit sonnenverwöhnten Mittelmeergärten, heißen Sommern und trockenem Klima. Doch was geschieht, wenn sich Züchter entscheiden, dieses Obst in den kalten, feuchten Bedingungen Nordeuropas anzubauen? Die wissenschaftliche Arbeit des Teams um Edite Kaufmane und Gunārs Lācis am Institut für Gartenbau (LatHort) im lettischen Dobele ist mehr als eine Aufzählung von Daten – sie erzählt die Geschichte einer ganzen Familie von Aprikosensorten, die beweist, dass auch der Norden Obst hervorbringen kann, das eines königlichen Tisches würdig ist.

An ihrer Spitze steht ein königliches Trio – eine zuverlässige, eine genussvolle und eine großzügige Sorte. Ihnen zur Seite stehen zwei Spezialistinnen mit einzigartigen Eigenschaften, während im Hintergrund bereits eine neue Generation von Zuchtmaterial auf ihre Chance wartet. Besondere Aufmerksamkeit verdienen jedoch zwei Sorten, die sich in Laboranalysen als wahre Meisterinnen im Gehalt wertvoller Inhaltsstoffe erwiesen haben: die großfruchtige ‘Velta’ und das Gesundheitsphänomen ‘Dimaija’. Werfen wir einen genaueren Blick auf die gesamte Familie – und darauf, was die Chromatographie tatsächlich zeigte.

Das königliche Trio: Spitzensorten für jeden Anbauer

Drei Sorten bilden den Höhepunkt der lettischen Züchtung. Sie wurden bereits 1999 offiziell registriert und gelten bis heute als Goldstandard für Winterhärte und Qualität.

‘Lāsma’ – Die zuverlässige Königin
Müssten Sie sich für nur eine Aprikose entscheiden, die Sie im lettischen Klima so gut wie nie enttäuscht, wäre es ‘Lāsma’. Sie verkörpert Beständigkeit und Verlässlichkeit.
‘Daiga’ – Die genussvolle Königin
Für alle, die vor allem ein unvergessliches Geschmackserlebnis suchen, gibt es ‘Daiga’ – eine Sorte, die beweist, dass auch nordische Aprikosen südländisches Temperament besitzen können.
‘Velta’ – Die Königin der Fülle
Die dritte im königlichen Trio setzt auf Großzügigkeit – große Früchte und hohe Erträge machen sie zur Wahl für alle, die ihre Körbe randvoll ernten möchten. Ihren Eigenschaften widmen wir weiter unten ein ausführliches Porträt.

Spezialistinnen mit einzigartigen Eigenschaften

Diese Sorten gehören zwar nicht zum Mainstream, bieten aber einzigartige Eigenschaften, die sie in bestimmter Hinsicht unersetzlich machen.

‘Rītausma’ – Die Schönheit mit intensiver Farbe
Eine Sorte, die auf den ersten Blick auffällt. Ihre Hauptstärke ist die satte Fruchtfarbe, die auf einen reichen Gehalt wertvoller Inhaltsstoffe hindeutet.
‘Dzintars’ – Die geduldige Dame mit später Ernte
Eine Sorte für Anbauer, die gerne auf das Beste warten. Sie reift erst Mitte August – etwas später als die meisten gängigen Sorten, gilt innerhalb des lettischen Zuchtprogramms jedoch als mittelfrüher Termin.

Die Zukunft der Züchtung: verborgene Schätze, die (noch) nicht im Handel sind

Die folgenden Sorten und Hybriden zeugen von der fortlaufenden Entwicklung. Auch wenn sie derzeit noch nicht regulär verkauft werden, stellen sie ein genetisches Vermögen für künftige Aprikosengenerationen dar.

‘Jausma’ und ‘Rasa’ (registriert im Jahr 2004) sind vielversprechende Thronfolgerinnen. ‘Jausma’ besticht durch große Früchte (37,2 g) und einen extrem hohen Zuckergehalt (23,4 %), ihr Stein ist jedoch fest mit dem Fruchtfleisch verwachsen, was sie eher für den Frischverzehr geeignet macht. ‘Rasa’ überzeugt durch festes Fruchtfleisch, gute Steinlöslichkeit und späteren Blühbeginn.

‘Vita’ und ‘Veldze’ blühen sehr früh, tragen aber dennoch zuverlässig Früchte. Ihre Früchte sind sehr süß (22,6 % bzw. 23,8 % Zucker), die frühe Blüte stellt jedoch ein hohes Spätfrostrisiko dar – sie eignen sich nur für die wärmsten und geschütztesten Lagen.

Ein eigenes Kapitel bilden Hybriden wie PU-16749, PU-20955 oder PU-15029 – der genetische Schatz des lettischen Programms, der eher für Züchter als für Hobbygärtner gedacht ist. PU-16749 ist ein Überlebenskünstler: Dank einer extrem langen Dormanz trägt sie jedes Jahr Früchte, auch wenn diese klein und weniger schmackhaft sind – ein unschätzbarer Genpool für Widerstandsfähigkeit. PU-20955 und PU-15029 wiederum wurden auf außergewöhnliche Widerstandsfähigkeit der Blütenknospen gegenüber Temperaturschwankungen selektiert – Bausteine für die Aprikosen der Zukunft.

‘Velta’ – der orangefarbene Triumph des nordischen Obstbaus

Warum ‘Velta’ die Königin unter den kälteliebenden Aprikosen ist

Der Aprikosenanbau wird historisch mit sonnenverwöhnten Hängen des Mittelmeers, heißen Sommern und milden Wintern verbunden. Die Vorstellung, dass sich dieses wärmeliebende Obst erfolgreich und in Premiumqualität auch in den rauen Bedingungen des Baltikums anbauen ließe, wo die Temperaturen regelmäßig auf −20 °C fallen, klang lange nach einer Utopie. Lettische Züchter nahmen diese Herausforderung dennoch an und präsentierten der Welt nach Jahrzehnten mühevoller Arbeit ein pomologisches Juwel – die Sorte ‘Velta’.

Die Geschichte der Sorte begann am Institut für Gartenbau (LatHort) in Dobele. Sie basiert auf Zuchtmaterial, das der Pionier des lettischen Obstbaus P. Upītis in den 1940er- und 1950er-Jahren sammelte und dabei bei der Suche nach frostharten Genen auf Wildpopulationen aus dem Kaukasus und den Gebirgen Zentralasiens zurückgriff. Nach Jahren strenger Selektion unter der Leitung von E. Kaufmane wurde ‘Velta’ 1999 offiziell als anerkannte Sorte in Lettland registriert. Seit ihrer Markteinführung zeichnet sie sich durch späteren Blühbeginn und regelmäßigen Fruchtansatz aus – in kalten Regionen entscheidende Voraussetzungen für den Erfolg.

Eines der größten Probleme frostharter Sorten ist die geringe Fruchtgröße, oft nur um die 20 Gramm. ‘Velta’ bricht mit diesem Klischee. Innerhalb des ursprünglichen Materials von P. Upītis besaß sie mit Abstand die größten Früchte, die bis zu 50 Gramm erreichten; langjährige Messungen bestätigten ein durchschnittliches Fruchtgewicht von 39,8 ± 1,8 g. Die Früchte sind groß, rund, leicht abgeflacht, mit einer feinen Spitze am Ende und einer tiefen Bauchnaht. Die orangefarbene Grundfarbe wird durch eine ausgeprägte rote Deckfarbe ergänzt, was der Sorte ein attraktives Marktbild verleiht. Das Fruchtfleisch ist tieforange, mittelfest und feinkörnig.

Die Schale ist mittelfest und leicht uneben, was ihr eine gute Widerstandsfähigkeit bei Handling und Transport verleiht. Der zweite Vorteil ist der lösliche Stein – groß, länglich, mit einem durchschnittlichen Gewicht von 2,3 g, der sich sauber vom Fruchtfleisch löst. Eine Eigenschaft, die man sowohl beim Frischverzehr als auch bei der Verarbeitung an jeder einzelnen Frucht zu schätzen weiß.

‘Dimaija’ – ein nordisches Gesundheitsjuwel

Warum diese Sorte die höchsten gemessenen Antioxidantienwerte unter den getesteten lettischen Aprikosen aufweist

Während gängige kommerzielle Sorten vor allem mit Süße locken, bringt ‘Dimaija’ ein anderes Arsenal mit: eine gute Krankheitsresistenz sowie die höchsten gemessenen Antioxidantien- und Vitamin-C-Werte unter den getesteten lettischen Sorten. Ihr Stammbaum reicht bis zur zweiten Generation des von P. Upītis begründeten Zuchtmaterials zurück. Nach Jahren der Selektion und Erprobung unter lokalen Bedingungen wurde ‘Dimaija’ 2023 zur Sortenregistrierung in Lettland eingereicht.

Der Baum blüht mittelfrüh – unter lettischen Bedingungen von Ende April bis Mitte Mai – und bildet eine relativ schmale, aufrechte Krone. Ein wesentlicher Vorzug ist die Bildung von sehr gesundem Holz. Der größte agronomische Vorteil liegt im Gesundheitszustand: ‘Dimaija’ zeigt eine gute Widerstandsfähigkeit gegenüber den beiden größten Feinden der Aprikose – der Schrotschusskrankheit (Wilsonomyces carpophilus) und der Fruchtfäule (Monilinia spp.). Sie besitzt eine gute Winterfrosthärte, und ihre Blüten sind vergleichsweise widerstandsfähig gegenüber gewöhnlichen Spätfrösten, was regelmäßige Ernten ermöglicht. Ihre Grenze liegt bei einem stärkeren Temperaturabfall in späteren Phasen der Blütenknospenentwicklung – ab etwa −6 °C sinkt der Ertrag bereits.

Die Früchte sind groß, formeinheitlich und rund. Die Schale ist glatt, dünn, mit leicht matter Oberfläche; die Grundfarbe ist hellorange und wird durch eine mittelgroße, ausgeprägte rote Deckfarbe ergänzt. Das Fruchtfleisch ist satt gelb, mittelfest, feinkörnig, mit ausgeprägtem Aroma und gutem Geschmack. Ein großer Vorteil ist der lösliche Stein – mittelgroß und leicht sowie sauber vom Fruchtfleisch zu trennen. Die Früchte reifen recht gleichmäßig um den Übergang von Juli zur ersten bis zweiten Augustwoche.

Warum Kälte den Antioxidantiengehalt erhöht: Pflanzen bilden sekundäre Metaboliten – Polyphenole, Flavonoide, Vitamine – vor allem als Abwehr gegen abiotischen Stress: Kälte, Trockenheit, Krankheitserreger. Die wissenschaftliche Analyse bestätigte, dass raueres Wetter im Norden zu einer intensiveren Synthese dieser Stoffe führt als ein mildes, südliches Klima. Die lettischen Sorten sind also nicht trotz, sondern zu einem großen Teil gerade wegen der Umgebung, in der sie entstanden, so außergewöhnlich.

Was das Labor zeigte

2795,3 mg
höchster Gesamtphenolgehalt je 100 g Trockenmasse
‘Dimaija’
148,3 mg
höchster Vitamin-C-Gehalt je 100 g Trockenmasse
‘Dimaija’
1129,1 µg
höchster Gehalt an Chlorogensäure je g Trockenmasse
‘Velta’

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In einer umfangreichen Analyse lettischer Sorten erreichte ‘Dimaija’ den höchsten Gesamtphenol- und Flavonoidgehalt aller getesteten Proben. Die chromatographische Analyse einzelner Substanzen zeigte dasselbe Bild: die höchsten Werte bei Rutin, Neochlorogensäure und Catechin. Auch beim Vitamin C übertraf ‘Dimaija’ die kommerziellen Marktsorten deutlich – entsprechend wiesen ihre Extrakte in den DPPH- und FRAP-Tests auch die höchste Gesamtantioxidationsaktivität auf.

‘Velta’ wiederum zeichnet sich durch einen außergewöhnlich hohen Gehalt an Chlorogensäure aus – einem der stärksten natürlichen Antioxidantien, dessen Wirkung auf den Glukosestoffwechsel und Entzündungsprozesse in mehreren Studien untersucht wird. Auch ihr Carotinoidgehalt ist hoch – jene Stoffe, die für die satte orange Fruchtfarbe und die Bildung von Vitamin A im Körper verantwortlich sind.

Kennwert ‘Dimaija’ ‘Velta’ ‘Gundega’ ‘Boriss’ Market
Gesamtphenole (mg GAE/100 g) 2795,3 1566,3 1843,2 216,4 582,0
Flavonoide (mg CE/100 g) 2270,5 1197,4 1536,0 122,2 138,8
Vitamin C (mg/100 g) 148,3 120,4 126,4 75,3 85,5
Carotinoide (mg/100 g) 16,8 24,4 13,0 28,7 30,4
Rutin (µg/g) 1249,4 771,4 300,5 89,5 140,0
Chlorogensäure (µg/g) 384,8 1129,1 159,8 21,3 41,9
Neochlorogensäure (µg/g) 550,2 463,9 84,9 1,0 2,1
Catechin (µg/g) 373,3 10,0 94,6 3,5 6,0

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Quelle: Juhnevica-Radenkova et al., 2024 (Tabelle 4 und 5). „Market" = handelsübliche griechische Aprikosen, die in der Studie als Vergleich dienten. Jeder Wert ist der Durchschnitt aus vier Messungen, bezogen auf die Trockenmasse.

Vergleich: Vitamin-C-Gehalt

Die Unterschiede zwischen den Sorten sind auch optisch deutlich – im folgenden Vergleich sind die Werte auf eine Spanne von 0–150 mg/100 g Trockenmasse bezogen, also auf die in dieser Studie gemessene Wertespanne.

‘Dimaija’ 148,3 mg/100 g
 
‘Gundega’ 126,4 mg/100 g
 
‘Velta’ 120,4 mg/100 g
 
Market (handelsübliche Aprikosen) 85,5 mg/100 g
 
‘Boriss’ 75,3 mg/100 g
 

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Der Preis der Gesundheit: Antioxidantien auf Kosten der Süße

Kennwert ‘Dimaija’ ‘Velta’ ‘Gundega’ ‘Boriss’ Market
Zucker (°Brix) 11,3 11,5 13,6 14,8 11,8
Titrierbare Säure (%) 24,0 35,9 20,0 14,5 13,8
Reifeindex 4,7 3,2 6,8 10,2 8,5

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Quelle: Juhnevica-Radenkova et al., 2024 (Tabelle 2). Der Reifeindex ist das Verhältnis von Zucker zu Säure – je höher er ist, desto reifer war die Frucht zum Erntezeitpunkt.

Die in der Tabelle gemessenen Phytochemikalien – vor allem Phenolsäuren und Catechin – sind von Natur aus bitter und adstringierend. Als Forscher aus ‘Dimaija’ und ‘Velta’ kandiertes Obst herstellten, bewertete ein Sensorikpanel diese schlechter als das süße ‘Boriss’: Bei ‘Dimaija’ beschrieben die Prüfer einen leicht bitteren, würzigen und adstringierenden Nachgeschmack sowie fehlende ausgeprägte Süße (6,5 von 12 Punkten). ‘Velta’ hingegen erreichte mit 78,6 °Brix den höchsten löslichen Trockensubstanzgehalt aller getesteten Proben – ihre kandierte Version wurde als kräftig, deutlich säuerlich mit würzigem Nachgeschmack beschrieben, erinnernd an eine hochwertige Marmelade.
Die Tabelle erklärt auch, warum ‘Boriss’ und die Marktaprikosen den höchsten Carotinoidgehalt aufweisen: Sie besitzen den höchsten Reifeindex, wurden also reifer geerntet. Farbstoffe bilden sich in der Frucht erst gegen Ende der Reifung, sodass eine spätere Ernte ihren Gehalt erhöht – auf Kosten von Säure und Lagerfähigkeit. Es handelt sich also um einen Kompromiss, nicht um einen Mangel. ‘Boriss’ mit einem Zuckergehalt von 14,8 °Brix schmeichelt dem Gaumen mehr; ‘Dimaija’ und ‘Velta’ bieten eine andere Zusammensetzung – und beide Entscheidungen sind gleichermaßen legitim.

Für wen sich diese Sorten eignen

Dank ihrer Balance aus Zucker und Säure ist ‘Velta’ ein ideales Ausgangsmaterial für hausgemachte Konfitüren, Marmeladen und Trockenprodukte, bei denen ein ausgeprägter Fruchtgeschmack gefragt ist, der unter dem zugesetzten Zucker nicht verschwindet. ‘Dimaija’ wiederum zeigt, dass Züchtung nicht zwangsläufig nur den Weg höheren Zuckergehalts und makellosen Supermarktaussehens gehen muss – sie bietet einen gesunden, widerstandsfähigen Baum mit regelmäßigem Ertrag, große Früchte mit löslichem Stein und eine Zusammensetzung, die im gängigen Angebot kaum zu finden ist.

Wer von einer Aprikose vor allem Süße erwartet, greift besser zu ‘Boriss’ oder einer ähnlichen Sorte. Wer sich jedoch dafür interessiert, was tatsächlich in der Frucht steckt – und daraus auch Vorräte für den Winter anlegen möchte –, findet in ‘Dimaija’ und ‘Velta’ zwei der spannendsten Sorten aus Nordeuropa.


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