Bastardkirschen retten: Wie Europa alte Sorten schützt (Prunus × gondouinii)
Rettung eines schwindenden Erbes
Wie Europa um das Überleben der traditionellen Bastardkirschen (Prunus × gondouinii) kämpft
Stellen Sie sich einen alten, sonnendurchfluteten Obstgarten irgendwo an den Hängen der spanischen Berge oder in den stillen Tälern Portugals vor. Die Bäume darin erinnern sich an Generationen von Obstbauern; sie haben Dürre, Frost und Schädlingen getrotzt. Sie tragen Früchte, die die Süße der Süßkirsche mit dem pikanten Funken der Sauerkirsche verbinden – die Bastardkirschen (Prunus × gondouinii). Heute droht diesen Bäumen jedoch, nur noch eine Erinnerung in historischen pomologischen Atlanten zu sein.
Der Druck des modernen Marktes, die Vereinheitlichung der Sorten und unsichtbare phytosanitäre Bedrohungen haben diese traditionellen europäischen Kultivare an den Rand des Abgrunds gedrängt. Glücklicherweise schlagen Wissenschaftler und Agronomen Alarm. Es entstehen Rettungsnetze und Genbanken, die diesen unersetzlichen genetischen Schatz für künftige Generationen bewahren sollen.
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68 %
der Bäume mit Virus infiziert
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6,34 %
Platzanfälligkeit ('Garrafal Negro')
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18,49
°Brix Zuckergehalt
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79
Sorten in Dresden-Pillnitz
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Aus dem Rampenlicht verdrängt: Warum verschwinden traditionelle Kultivare?
Die Bastardkirsche (Prunus × gondouinii Rehd.), ein tetraploider Hybrid zwischen der Süßkirsche (P. avium) und der Sauerkirsche (P. cerasus), war einst ein gewöhnlicher Bestandteil europäischer Obstgärten. Wie jedoch Forschungen von der Iberischen Halbinsel betonen, ist eine unbekannte Anzahl lokaler Kultivare derzeit auf dem Rückzug. Dieser Niedergang begann bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts und wurde vor allem durch die Einführung neuer, kommerziell attraktiverer Sorten aus ausländischen Züchtungsprogrammen (zum Beispiel aus Kanada, den USA und Frankreich) verursacht.
Die neuen Sorten entsprachen besser den Anforderungen des modernen Marktes und wiesen einheitlichere agronomische Eigenschaften auf. Das Ergebnis ist, dass viele autochthone (einheimische) Bastardkirschen-Kultivare heute deutlich zurückgehen oder kurz vor dem Aussterben stehen. Ihr Verlust würde jedoch eine unwiederbringliche Verarmung der genetischen Variabilität bedeuten, die eine absolute Voraussetzung für jedes künftige Züchtungsprogramm ist.
Genetische Ressourcen mit hoher Variabilität sind ein äußerst wertvolles Material und eine grundlegende Voraussetzung für jedes Züchtungsprogramm.
Verborgene Schätze der Iberischen Halbinsel
Eines der wichtigsten Zentren für die Erforschung und Rettung der Bastardkirschen ist Südwesteuropa. In der spanischen Provinz Salamanca, konkret in den Gebieten Arribes del Duero und Sierra de Francia, haben Wissenschaftler vier seltene lokale Kultivare identifiziert und beschrieben. Weitere bedeutende Kultivare wurden in den Regionen Nordportugals und Galiciens kartiert.
Warum sind gerade diese Bäume so wertvoll? Traditionelle Kultivare weisen spezifische agronomische Merkmale auf – eine große Robustheit (Widerstandsfähigkeit gegenüber ungünstigen Umweltbedingungen) und eine frühe Reife. Der wahre Schatz verbirgt sich jedoch in der Qualität ihrer Früchte:
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'Guindo Garrafal Negro'
Außergewöhnlich geringe Anfälligkeit für das Platzen der Früchte (6,34 %), sehr süße Früchte (18,49 °Brix) und ein hoher Gehalt an Polyphenolen (17,16 g Gallussäure pro kg Trockenmasse). |
'Guindo Tomatillo' und 'Seixas'
Bieten außergewöhnlich große und fleischige Früchte. Zusammen mit Merkmalen wie der frühen Reife macht sie das zu idealen Elternpflanzen für die moderne Züchtung. |
Das deutsche Rettungsnetz: die Genbank in Dresden-Pillnitz
Die Bemühungen zum Schutz des Genpools beschränken sich nicht nur auf den Süden Europas. Eine grundlegende Rolle spielen institutionalisierte Genbanken. Ein Beispiel ist die Deutsche Genbank Obst, die als dezentrales Netzwerk fungiert und Keimplasmasammlungen koordiniert, um das Risiko des Verlusts genetischer Obstressourcen zu minimieren.
Am Institut für die Züchtungsforschung an Obst in Dresden-Pillnitz wurde eine umfangreiche phänotypische und genotypische Charakterisierung von 79 Sorten von Sauerkirschen und Bastardkirschen durchgeführt. Zu den bewahrten historischen Kultivaren gehören Kostbarkeiten wie 'Königin Hortense', 'Imperatrice Eugenie' oder 'Schöne von Montreuil'.
Die Schutzrichtlinien schreiben die Erhaltung von mindestens zwei Bäumen jedes Kultivars an zwei verschiedenen, voneinander getrennten Standorten vor. Würde ein Standort durch Krankheit oder extremes Wetter zerstört, überlebt das genetische Material anderswo.
Der unsichtbare Feind: virale Bedrohungen für alte Sorten
Bei der Rettung alter Kultivare geht es nicht nur darum, sie zu finden und in eine Genbank zu pflanzen. Diese Bäume sind einer ernsten phytosanitären Gefahr ausgesetzt. Eine Studie zum Gesundheitszustand genetischer Ressourcen auf der Iberischen Halbinsel ergab, dass Bastardkirschen außergewöhnlich anfällig für Viruserkrankungen sind.
| Kennzahl | Bastardkirschen | Sauerkirschen |
|---|---|---|
| Anteil infizierter Bäume | 68 % | 58 % |
| Asymptomatische Fälle | 60 bis 100 % ohne sichtbare Symptome | |
| Am stärksten betroffene Kultivare | 'Guindo Tomatillo', 'Garrafal Rosa', 'Garrafal Negro' | |
| Hauptviren | PNRSV, PDV, ACLSV | |
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Bis zu 68 % der getesteten Bastardkirschbäume waren mit mindestens einem der gefährlichen Viren infiziert: dem Prunus-Nekrotischen-Ringflecken-Virus (PNRSV), dem Pflaumenzwergwuchs-Virus (PDV) oder dem Apfel-Chlorotischen-Blattfleckenvirus (ACLSV). Am stärksten betroffen waren gerade die wertvollen Kultivare.
Eine enorme Anzahl infizierter Bäume (60 bis 100 %) ist asymptomatisch – sie zeigen keine sichtbaren Symptome an den Blättern, obwohl sie das Virus in sich tragen. Bei der Rettung und Vermehrung alter Sorten sind daher Labortests (mit ELISA- und RT-PCR-Methoden) und strenge Zertifizierungsprogramme unerlässlich.
Fazit
Die Rettung traditioneller Bastardkirschen-Kultivare ist nicht nur ein Ausdruck der Nostalgie nach alten Zeiten. Sie ist ein pragmatischer und notwendiger Schritt für die Zukunft des Obstbaus. Genetische Ressourcen mit hoher Variabilität sind ein äußerst wertvolles Material und eine grundlegende Voraussetzung für jedes Züchtungsprogramm.
Wenn wir in Zukunft Kirschen anbauen wollen, die platzfest sind, einen hohen Gehalt an Antioxidantien haben und sich an veränderte klimatische Bedingungen anpassen können, werden wir die Antworten wahrscheinlich in der DNA dieser alten, vergessenen Bäume finden. Die Genbanken in Deutschland, Spanien und Portugal funktionieren heute wie moderne Arche Noahs. Dank ihnen geht das schwindende Erbe der Bastardkirschen nicht in den Tiefen der Geschichte verloren, sondern wird zu einem Grundstein des Obstbaus im 21. Jahrhundert.
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